Katrin Stender

Der Hund und die anderen Anwesenheiten

Wenn mein Hund, und er ist sehr alt, die Wahl hat, sich auf dem weichen Wollteppich oder auf einer von mir bemalten Leinwand zu platzieren, dann wählt er die Leinwand, die auf dem Boden liegt, direkt neben dem Wollteppich. Bald fängt er an, sich wohlig darauf zu rekeln und sich in die entspanntesten Posen zu entlassen. Da bleibt er dann ziemlich lange liegen, und wenn er aufsteht, ist er sehr munter, streckt sich und fühlt sich – da bin ich mir sicher – tatenlustig, aufgeladen.

Ich habe dieses Experiment mehrere Male gemacht. Es ist immer gleich ausgegangen. Ich erinnere mich, gelesen zu haben, dass man in der chinesischen Ästhetikauffassung, die davon ausgeht, dass der Maler im Prozess des Malens das sogenannte Qi, die Lebensenergie, den Hauch, den Atem, auf die Leinwand verbringt, und dass sich dieses Qi im Akt des Betrachtens oder „Sichdaraufwälzens“ gleichsam wieder aus dem Bild herauslöst und in den Betrachter zurück fließt.

Mir gefällt das. Ich denke daher: Was anderes sollte ein ästhetisches Erlebnis angesichts eines Kunstwerks denn sein, wenn nicht ein Moment, in dem man sich ein bisschen lebendiger, aufgeladener fühlt als noch gerade eben zuvor? Für diesen einen Moment ist man ins Hier und Jetzt geschleudert. Das ist eine Realität. Man ist anwesend. Es prickelt in den Zellen.

Was mache ich? Alles zeigen, aber den Verdacht nähren, dass das nicht alles ist, wie mal jemand sagte. Im Ungenauen verdeutlichen. Auch die Farbigkeit, die ich wähle, die ungesättigte, die abgeschirmte, dient vielleicht dem Verschlüsseln, Verschleiern, Verdecken, dem Vieldeutigwerden bis scharf an die Grenze zur Beliebigkeit. Wie jeder Mensch habe ich den Wunsch, in Balance zu bleiben. Das Schönste an dem Leben mit Bildern ist es, den schmalen Grat zu finden zwischen dem Vergnügen, das sie mir bereiten können, und der Freude, die aus der Unabhängigkeit von ihnen erwächst. (Ich muss das ja nicht machen.)

Gibt es denn einen guten Weg, ein Versprechen zu geben und es so gerade eben nicht zu halten? Nüchtern möchte ich aber auch nicht sein. Ich möchte Beachtung schenken, ohne bedeutungsvoll zu sein. Keine Gegenstände, keine Personen, keine Symbole, nur Farben, Formen, Linien, Rhythmen, Bewegung, Gestus, Fläche. Alles offen, alles fraglich, keine Deutungsangebote, keine Referenzen, nur die eine Bitte: nicht versuchen zu verstehen! Die ästhetische Erfahrung zielt auf das Ungebildete, auf Affekte und verlangt eine Nachschulung der Gefühle. Es muss ja nicht immer Erkenntnis sein.

Ohne es zu wollen – und das kommt ja immer mal wieder vor in der Kunst – lande ich oft bei dem Strukturprinzip „all over“. Ich sehe dann in meinen Bildern eine Zusammenführung von Flächen, Formen und Linien, die keiner Komposition, keiner Richtung folgt. Eine Art ungeordnete Ordnung entsteht, in der Verschiedenartiges gerade noch miteinander kommuniziert. Ich verlasse mich dabei auf eine Erfahrung, die da lautet: Wenn das Chaos zu groß wird, taucht Ordnung von allein auf.

Augenscheinlich ist Bewegung ein Thema in meinen Bildern. Gestus und Duktus sollen für mich spürbar bleiben. Das Verhalten von Farbe soll mit vollzogen werden können. Farbe läuft. Malerei ist deshalb so interessant für mich, weil bei aller Lust an der Wucht alles Schritt für Schritt vollzogen werden muss, weil nichts übersprungen werden kann. Und weil die eigenen Richtkräfte immer mit denen der Schwerkraft kollidieren. Eigentlich will der Mensch schlafen.

Ich pflege einen ruppigen, nervösen und auch frivolen Umgang mit Leinwand, Pinsel und Farbe. Dabei interessiert mich das Ungenaue, das mit Wucht angegangene. Es hat eine vergrößernde, vielleicht erhebende Kraft. Ich improvisiere, was für mich eine Mischung aus Intuition und Erfahrung darstellt. Doch die Reflexion der Improvisation sollte auch im Bild enthalten sein. Die Distanznahme mitzuliefern, das ist gleichsam das Anliegen. Jegliches Gegenständliche ist mir viel zu viel Erzählung.

Stimmt nicht. Ich versuche, immer das Gegenteil mit zu denken. Also: Wie kann ich das Allermöglichste erzählen? Ich denke, im Portrait. In diesem Schachspiel gegen mich selbst entstehen seit 2009 Portraits, die im zweiten Band des Katalogs „Der Rettungshund und die anderen Abwesenden“ zusammengestellt sind.

Die Arbeit am Portrait beruhigt mich, sammelt mich, entängstigt mich und fängt mich ein. Es tut sich hier allerdings ein kompliziertes Feld auf. Denn das Modell, der Mensch, der mir da gegenüber sitzt und schweigt – ich arbeite nur mit dem leibhaftigen Gegenüber –, ist ja einmal der Mensch, der er ist, zum anderen der, der er vorgibt zu sein, zum dritten derjenige, als den ich ihn sehe, und viertens das Medium, durch das ich versuche, meine Kunst zu zeigen.

Doch zurück zu meinen ungegenständlichen Arbeiten. Ich nehme mir nichts vor. Ich reagiere auf das Reagieren. Ich brauche mir nichts vorzunehmen, denn im Nachhinein macht das alles sowieso Sinn. Von diesem Sinn möchte ich aber nicht sprechen. Das würde privat werden, und er, der Sinn, ist immer da.

Mir fällt auf, dass sich die Titel meiner Bilder laufend ändern. Ich sehe sie einfach in neuem Licht und fühle sie in wechselnde mich umtreibende Kontexte gesetzt. Das macht die Orientierung nicht leichter, es amüsiert mich aber.

Ich male mit Eitempera. Das Leinöl finde ich sehr interessant. Es gibt viele Forschungen zu diesem Öl, und ich bilde mir ein, dass in den Samen der Leinsaat sehr viel Licht und Festlichkeit gespeichert sind. Die bringen die Farben zum Leuchten. Das reine Leinöl ist gelber als gelb. Für das Malen mit Öl wäre ich zu ungeduldig. Ich gehe schnell zu Werke.

Der schöpferische Akt ist ein Akt des Widerstands, ein Akt der Ichlosigkeit, was sehr angenehm ist. Er ist auch ein Akt des Werdens, ein Schwebezustand zwischen „nicht mehr“ und „noch nicht“. Etwas taucht auf und setzt sich von dem Bisherigen ab. Immer gibt es Neuigkeiten. Der Künstler übertreibt, muss übertreiben. Er übertreibt gegenüber dem Leben. Lebenskräfte werden freigesetzt. Das Unbewusste ist sehr produktiv. Eine Wunschmaschine, wie Deleuze sagt. Eine Übermutmaschine. Eine Verschiebungsmaschine. Eine Verlebendigungsmaschine. Eine Bejahungsmaschine. Eine Übertreibungsmaschine. Eine Verschwendungsmaschine, alles mit Verausgabungswunsch, sage ich. Nur Sprache kommt hier nicht zur Sprache.

Die Kunst macht mir das Leben schwer. Ich muss dort ohne jede Rücksicht auf meinen Narzissmus alles, was das Liebesleben mit Bildern an Erniedrigungen mit sich bringt, auf mich nehmen. Ich lasse mich von meinen Bildern permanent entwerten, vernichten, missachten. Aber dann, wenn etwas gelingt und das Hochgefühl sich einstellen will, kann ich dieses nicht wohlgefällig auf mich selbst beziehen. Dann stelle ich mich daneben und sage, hm, habe ich das gemacht? Also, der Hund war es jedenfalls nicht.

Katrin Stender
Hamburg, im Juni 2014