Der Hund und die anderen Anwesenheiten

Wenn mein Hund, und er ist sehr alt, die Wahl hat, sich auf dem weichen Wollteppich oder auf einer von mir bemalten Leinwand zu platzieren, dann wählt er die Leinwand, die auf dem Boden liegt, direkt neben dem Wollteppich. Bald fängt er an, sich wohlig darauf zu rekeln und sich in die entspanntesten Posen zu entlassen. Da bleibt er dann ziemlich lange liegen, und wenn er aufsteht, ist er sehr munter, streckt sich und fühlt sich – da bin ich mir sicher – tatenlustig, aufgeladen.

 

Ich habe dieses Experiment mehrere Male gemacht. Es ist immer gleich ausgegangen. Ich erinnere mich, gelesen zu haben, dass man in der chinesischen Ästhetikauffassung, die davon ausgeht, dass der Maler im Prozess des Malens das sogenannte Qi, die Lebensenergie, den Hauch, den Atem, auf die Leinwand verbringt, und dass sich dieses Qi im Akt des Betrachtens oder „Sichdaraufwälzens“ gleichsam wieder aus dem Bild herauslöst und in den Betrachter zurück fließt.

 

Mir gefällt das. Ich denke daher: Was anderes sollte ein ästhetisches Erlebnis angesichts eines Kunstwerks denn sein, wenn nicht ein Moment, in dem man sich ein bisschen lebendiger, aufgeladener fühlt als noch gerade eben zuvor? Für diesen einen Moment ist man ins Hier und Jetzt geschleudert. Das ist eine Realität. Man ist anwesend. Es prickelt in den Zellen.

 

Was mache ich? Alle zeigen, aber den Verdacht nähren, dass das nicht alles ist, wie mal jemand sagte. Im Ungenauen verdeutlichen. Auch die Farbigkeit, die ich wähle, die ungesättigte, die abgeschirmte, dient vielleicht dem Verschlüsseln, Verschleiern, Verdecken, dem Vieldeutigwerden bis scharf an die Grenze zur Beliebigkeit. Wie jeder Mensch habe ich den Wunsch, in Balance zu bleiben. Das Schönste an dem Leben mit Bildern ist es, den schmalen Grat zu finden zwischen dem Vergnügen, das sie mir bereiten können, und der Freude, die aus der Unabhängigkeit von ihnen erwächst. (Ich muss das ja nicht machen.)

 

Gibt es denn einen guten Weg, ein Versprechen zu geben und es so gerade eben nicht zu halten? Nüchtern möchte ich aber auch nicht sein. Ich möchte Beachtung schenken, ohne bedeutungsvoll zu sein. Keine Gegenstände, keine Personen, keine Symbole, nur Farben, Formen, Linien, Rhythmen, Bewegung, Gestus, Fläche. Alles offen, alles fraglich, keine Deutungsangebote, keine Referenzen, nur die eine Bitte: nicht versuchen zu verstehen! Die ästhetische Erfahrung zielt auf das Ungebildete, auf Affekte und verlangt eine Nachschulung der Gefühle. Es muss ja nicht immer Erkenntnis sein.

 

Ohne es zu wollen – und das kommt ja immer mal wieder vor in der Kunst – lande ich oft bei dem Strukturprinzip „all over“. Ich sehe dann in meinen Bildern eine Zusammenführung von Flächen, Formen und Linien, die keiner Komposition, keiner Richtung folgt. Eine Art ungeordnete Ordnung entsteht, in der Verschiedenartiges gerade noch miteinander kommuniziert. Ich verlasse mich dabei auf eine Erfahrung, die da lautet: Wenn das Chaos zu groß wird, taucht Ordnung von allein auf.

 

Augenscheinlich ist Bewegung ein Thema in meinen Bildern. Gestus und Duktus sollen für mich spürbar bleiben. Das Verhalten von Farbe soll mit vollzogen werden können. Farbe läuft. Malerei ist deshalb so interessant für mich, weil bei aller Lust an der Wucht alles Schritt für Schritt vollzogen werden muss, weil nichts übersprungen werden kann. Und weil die eigenen Richtkräfte immer mit denen der Schwerkraft kollidieren. Eigentlich will der Mensch schlafen.

 

Ich pflege einen ruppigen, nervösen und auch frivolen Umgang mit Leinwand, Pinsel und Farbe. Dabei interessiert mich das Ungenaue, das mit Wucht angegangene. Es hat eine vergrößernde, vielleicht erhebende Kraft. Ich improvisiere, was für mich eine Mischung aus Intuition und Erfahrung darstellt. Doch die Reflexion der Improvisation sollte auch im Bild enthalten sein. Die Distanznahme mitzuliefern, das ist gleichsam das Anliegen. Jegliches Gegenständliche ist mir viel zu viel Erzählung.

 

Stimmt nicht. Ich versuche, immer das Gegenteil mit zu denken. Also: Wie kann ich das Allermöglichste erzählen? Ich denke, im Portrait. In diesem Schachspiel gegen mich selbst entstehen seit 2009 Portraits, die im zweiten Band des Katalogs „Der Rettungshund und die anderen Abwesenden“ zusammengestellt sind.

 

Die Arbeit am Portrait beruhigt mich, sammelt mich, entängstigt mich und fängt mich ein. Es tut sich hier allerdings ein kompliziertes Feld auf. Denn das Modell, der Mensch, der mir da gegenüber sitzt und schweigt – ich arbeite nur mit dem leibhaftigen Gegenüber –, ist ja einmal der Mensch, der er ist, zum anderen der, der er vorgibt zu sein, zum dritten derjenige, als den ich ihn sehe, und viertens das Medium, durch das ich versuche, meine Kunst zu zeigen.

 

Doch zurück zu meinen ungegenständlichen Arbeiten. Ich nehme mir nichts vor. Ich reagiere auf das Reagieren. Ich brauche mir nichts vorzunehmen, denn im Nachhinein macht das alles sowieso Sinn. Von diesem Sinn möchte ich aber nicht sprechen. Das würde privat werden, und er, der Sinn, ist immer da.

 

Mir fällt auf, dass sich die Titel meiner Bilder laufend ändern. Ich sehe sie einfach in neuem Licht und fühle sie in wechselnde mich umtreibende Kontexte gesetzt. Das macht die Orientierung nicht leichter, es amüsiert mich aber.

 

Ich male mit Eitempera. Das Leinöl finde ich sehr interessant. Es gibt viele Forschungen zu diesem Öl, und ich bilde mir ein, dass in den Samen der Leinsaat sehr viel Licht und Festlichkeit gespeichert sind. Die bringen die Farben zum Leuchten. Das reine Leinöl ist gelber als gelb. Für das Malen mit Öl wäre ich zu ungeduldig. Ich gehe schnell zu Werke.

 

Der schöpferische Akt ist ein Akt des Widerstands, ein Akt der Ichlosigkeit, was sehr angenehm ist. Er ist auch ein Akt des Werdens, ein Schwebezustand zwischen „nicht mehr“ und „noch nicht“. Etwas taucht auf und setzt sich von dem Bisherigen ab. Immer gibt es Neuigkeiten. Der Künstler übertreibt, muss übertreiben. Er übertreibt gegenüber dem Leben. Lebenskräfte werden freigesetzt. Das Unbewusste ist sehr produktiv. Eine Wunschmaschine, wie Deleuze sagt. Eine Übermutmaschine. Eine Verschiebungsmaschine. Eine Verlebendigungsmaschine. Eine Bejahungsmaschine. Eine Übertreibungsmaschine. Eine Verschwendungsmaschine, alles mit Verausgabungswunsch, sage ich. Nur Sprache kommt hier nicht zur Sprache.

 

Die Kunst macht mir das Leben schwer. Ich muss dort ohne jede Rücksicht auf meinen Narzissmus alles, was das Liebesleben mit Bildern an Erniedrigungen mit sich bringt, auf mich nehmen. Ich lasse mich von meinen Bildern permanent entwerten, vernichten, missachten. Aber dann, wenn etwas gelingt und das Hochgefühl sich einstellen will, kann ich dieses nicht wohlgefällig auf mich selbst beziehen. Dann stelle ich mich daneben und sage, hm, habe ich das gemacht? Also, der Hund war es jedenfalls nicht.

 

Katrin Stender

Hamburg, im Juni 2014

 

 

Rolf Thiele
Für Katrin Stender

 

Warum machen wir das, was wir machen?

Wenn uns ein Ding, stellen wir uns ein Bild vor, wirklich am Herzen liegt, bekommt es ein eigenes Leben. Es ist dann tatsächlich die Wiederbelebung eines toten Gegenstands. Aber nichts, was uns auf diese Weise betroffen macht, am Herzen liegt, lässt sich rational begründen. Vor allem, wenn wir selbst der Autor, die Autorin dieses Dinges, Bild oder Text usw., sind, verhakt es sich, schon bevor es sichtbar wird, in unserem Herzen. Wir verheddern uns also bereits am Anfang beim Machen und bleiben daran hängen, manchmal ganz gegen unseren eigenen Willen. Jedoch: woher weiß man eigentlich, was man will? Und ist es nicht ein großer Fall von Schönheit, wenn man nicht weiß, was man will.

 

Oder wollen wir Gefühle, um solche handelt es sich ja wohl, dieser Sorte von unserem intellektuellen Niveau aus nicht wahrhaben? Wir halten sie für unwürdig und geben ihnen einfach einen anderen Namen. Wir lügen sie um. Wir etikettieren sie nach dem Wunsch unseres Bewusstseins. Je wendiger unser Bewusstsein, je belesener, um so zahlreicher und um so nobler unsere Hintertüren, um so geistvoller die Selbstbelügung. Man kann sich ein Leben lang damit unterhalten, und zwar vortrefflich, nur kommt man dadurch nicht zum Leben, sondern unweigerlich in die Selbstentfremdung. Wir sind dann in der Selbstüberforderung. Wir sehen wohl unsere Niederlage, aber begreifen sie nicht als Signale, als Konsequenzen eines verkehrten Strebens weg von unserem Selbst. Viele erkennen sich selbst, nur wenige kommen dazu, sich selbst auch anzunehmen. Wie viel Selbsterkenntnis erschöpft sich darin, den anderen mit einer noch präziseren und genaueren Beschreibung unserer Schwächen zuvorzukommen, also in Koketterie?

 

Aber auch die echte Selbsterkenntnis, die eher stumm bleibt und sich in unserem Verhalten ausdrückt, genügt noch nicht, sie ist ein erster, zwar unerlässlicher und mühsamer, aber keineswegs hinreichender Schritt. Das allein führt uns noch nicht ins Leben zurück. Es braucht die höchste Lebenskraft, um sich selbst anzunehmen. Und im Grunde, ehrlich genommen, hoffen wir doch ohnehin in allem auf Verwandlung, auf Fluchträume. Ohne Hoffnung keine Beziehung. Dafür müssen wir etwas ändern.- So oder ähnlich gelesen bei Max Frisch in seinem „Stiller“ -

 

Und weiter: Jetzt wäre der Augenblick da, alles zu sagen, die Wahrheit zu sagen. Aber so wie ich es zu erklären versuche, bleibt nichts mehr übrig. Hätte ich es sonst nicht längst erklärt, dieses mein Alles, meine Erfahrung – ?

 

Also müssen wir etwas riskieren, auch bei Dingen und Ereignissen, die es nicht wert zu sein scheinen. Denn das Richtige, manchmal auch das Gute, kommt meist durch eine der Hintertüren zu uns. Anders gesagt: Manchmal muss man verlieren, um zu gewinnen. So gesehen also gibt es dort kein Scheitern. Bilder, Dinge, Ereignisse, die das Herz berühren und aufleuchten lassen, die den Blick auf das Leben, die Welt komplett verändern. Würden wir sie ausdrücklich suchen, etwa ein Leben lang, wir würden sie nicht finden. Sie stoßen uns zu, plötzlich, ohne Vorwarnung oder Ankündigung, sie passieren einfach. Allerdings sollten wir uns für diesen Moment, in dieser Passage des Passierens, bereit halten. Es ist dann nicht nur eine ästhetische Erfahrung, sondern das, was da passiert, ist Kunstberührung.

 

Grundfragen wie zum Beispiel: Wofür lohnt es sich zu leben, gegebenenfalls zu sterben? spielen zur eigenen Überraschung keine Rolle mehr. Es ist eine große Verschiebung, kaum zu erklären. Aber gelagert zwischen Wollen und Nichtwollen, zwischen Können und Nichtkönnen, zwischen Interesse und Desinteresse. In solchen Zwischenräumen schraubt sich die Aufmerksamkeit hoch: Alles ist ein Wegweiser, der auf etwas anderes hindeutet. Symbolisierung in einem sehr persönlich gefärbten und erlebten Empfindungsraum. Alles erscheint uns dann so notwendig und richtig zu sein. Ohne Begründung. Genau so gern würden wir es allerdings vergessen wollen, aber das können wir nicht. Es hat sich in uns verhakt. Es ist einfach da.

 

Warum bin ich, wie ich bin? Warum mache ich das, was ich mache? Wieso sehe ich so klar, dass alles, was ich liebe, was mir am Herzen liegt, Illusion ist, und wieso liegt gerade in dieser Frage der Zauber, für den es sich zu leben lohnt?

 

Sollen wir das wirklich alles ändern und uns in die üblichen Bahnen einreihen, die uns zum normierten, von den anderen erwarteten Verhalten führen, zu festen Arbeitszeiten, regelmäßigen Vorsorgeuntersuchungen, zu stabilen Beziehungen und einer nachvollziehbaren, weil planbaren Karriere. Oder ist es besser, uns kopfüber in das zu stürzen, was uns am Herzen liegt? Wenn das eigene Innere uns gar an den Rand des Verderbens lockt, sollen wir uns dann abwenden, dem sogenannten Vernünftigen zuwenden, gegen die eigene innere Stimme?

 

Täten wir dies, wäre unser Blick auf das reine Andere, das für uns Bedeutsame, nicht nur erheblich getrübt, sondern sogar blind geworden. Wir könnten dann unser Geheimnis, das nur für uns sichtbar ist und uns in der uns umgebenden Dunkelheit leuchtet, keinen Namen hat, niemals sehen.

 

Es gäbe kein Geheimnis um unser Geheimnis.

 

Über unüberbrückbare Distanzen hinweg – zwischen Leinwand und Malerin, zwischen Bild und Betrachter, in der Distanz geschieht das Wunder, es ist beides, der gleitende Vorgang des Übergangs, der Verwandlung, bei dem Farbe Farbe ist, aber auch ein Zeichen für Existenz. Es ist der Ort, der magische Punkt, an dem jede Idee und ihr Gegenteil gleichermaßen wahr sind.

 

Die ästhetische Erfahrung als jener Moment, wo das Seelengefühl als das was uns am Herzen liegt auf die Materialbetrachtung trifft, sich beide begegnen und sich verwandelnd, das eine in das jeweils andere, wobei beide, ohne sich selbst zu verlieren, die Plätze tauschen. So etwas kann außerhalb von einem selbst unmöglich für andere präsent sein. Man fühlt sich fremd und erkennt, dass die einzigen Wahrheiten, die uns wichtig sind, diejenigen sind, die wir nicht verstehen, nicht verstehen können. Natürlich ist es hart, mit dem Gefühl zu leben, dass das außer uns selbst auch sonst keiner so recht versteht.

 

Das Geheimnisvolle, Vieldeutige, Unerklärliche. Das, was wir nicht erklären können, weil es keine nachvollziehbare Geschichte hat. Darin einen Sinn zu suchen, erscheint uns vorderhand abwegig und bizarr, denn zwischen der Realität auf der einen Seite und dem Punkt, an dem der Geist auf die Realität trifft, gibt es keine mittlere Zone; aber einen Rand, wo der Sinn ins Dasein kommt, wo zwei sehr unterschiedliche Bereiche sich dann doch mischen und verwischen und dadurch bereitstellen, was das Leben nicht bietet: Es ist der Raum des Passierens, dieser Möglichkeitsraum, in dem alle Kunst existiert und alle Magie. Und alle Liebe.

 

Das könnte einer der Gründe sein, warum wir z.B.Schreiben, Malen, Musik machen und vieles andere mehr: Wir wollen diese Zone betreten, uns an den Rand zwischen Wahrheit und Unwahrheit, zwischen Tatsachenwelt und Illusion begeben. Wir lernen nämlich auf diese Weise die Bodenschwere des Realen mit der Bodenlosigkeit der Kunst für Augenblicke in die Balance zu bringen. Und was immer uns lehrt, mit uns selbst zu sprechen, mit uns ins Gespräch zu kommen, ist wichtig. Wir haben dann das Gefühl, wir hätten etwas sehr Wichtiges und Ernstes, etwas Dringliches zu sagen, etwas Einmaliges zu zeigen.

 

 

Gabriel Bornstein
über Katrin Stender

Eine Art Leben – literarisch gesehen

1938 reiste der 18jährige Abiturient Fritz Stender nach Japan, wo er ein Praktikum in der Wirtschaftsabteilung des Auswärtigen Amts bestritt. Während dieses Aufenthalts teilte sich der junge Hamburger ein Zimmer mit der japanischen Studentin Aiko Hamabei im Stadtzentrum von Tokyo. 1939, zu Beginn des Kriegs, musste er zurück nach Deutschland. Ein halbes Jahr später brachte Aiko ein Mädchen zur Welt – Mie Hamabei. Von der Geburt seiner Tochter hat Fritz nie erfahren.

 

Von Aiko hat er ebenfalls nie wieder gehört. In Europa tobte gerade ein furchtbarer Krieg und alle waren mit Sterben oder Überleben beschäftigt. Zehn Jahre später heiratete Fritz Stender die Hamburgerin Esther Rehagen. Ende 1955 reiste das Ehepaar Fritz und Esther Stender nach Japan, wo sich der junge Arzt im Universitätskrankenhaus von Tokyo in der Klinik für Kiefer- und plastische Gesichtschirurgie spezialisierte. Am 20 August 1956 kam in diesem Krankenhaus auch die gemeinsame Tochter Katrin zur Welt. Soweit die offizielle Version der Geschichte.

 

Doch manche Fakten widersprechen sich hier und es gibt noch eine ganz andere Vermutung, darüber, wie sich alles zugetragen haben könnte. Bekannt war zumindest, dass Esther, als Folge von Komplikationen bei der Geburt ihres ersten Sohnes, keine weiteren Kinder in die Welt setzen. Für weitere Verwirrung sorgte ein Gespräch mit der japanischen Schauspielerin Mie Hamabei in Nippon TV. In ihrer Rede zum Puppentag (hinamtsuri) am 20. März 2004 beichtete die Diva, dass sie im Alter von 16 ein ungewolltes Kind zur Welt gebracht hatte. Kurz davor hatte sie ein Angebot für ihre erste Rolle in dem Film „Abschied von Godzilla” bekommen. (Der Film war ein Flop und wurde nie wieder gezeigt).

 

Um ihre Karrierechancen nicht aufs Spiel zu setzen, gab Hamabei das Kind zur Adoption frei. Die neuen Eltern waren Esther und Fritz Stender aus Hamburg. Ob Fritz Stender wusste, dass seine neu erworbene Tochter auch sein leibliches Enkelkind war, ist nicht bekannt. Er sprach kein Wort japanisch und interessierte sich auch sonst nie besonders für seine Tochter. Als Kind hatte er schon ein paar Filme der Godzilla-Reihe im Kino gesehen, doch die japanischen Namen der Schauspieler konnte er sich nie merken. Von der Schauspielerin Mie Hamabei hatte er auch nie gehört. Und dass seine alte Freundin Aiko mit Nachnamen Hamabei hieß, hatte er schon längst vergessen.

 

Es gibt gute Gründe zu der Annahme, dass Esther Verdacht schöpfte und ihrem Mann deshalb das Leben zur Hölle machte. Obwohl manche bösen Zungen behaupten, dass sie dafür keinen konkreten Grund benötigte. Ob bloßer Zufall oder die Erfindung eines geisteskranken Journalisten – die Wahrheit wird für uns wahrscheinlich immer verborgen bleiben. Fest steht aber, dass die kleine Katrin im Alter von zwei Jahren fließend japanisch sprach, wie ihr damaliges Kindermädchen, die Hebamme Arisu Hayato, berichtet. 1956 war Frau Hayato im Krankenhaus von Tokyo tätig, wo sie in das Adoptionsverfahren des deutschen Ehepaars Stender involviert war. Beweise für ihre Geschichte gibt es keine mehr, weil die Geburtsurkunde sowie sämtliche andere Dokumente bei einem Erdbeben am 17. März 1973 verloren gingen. Im Herbst 1956 begleitete Arisu Hayato die Familie Stender mit dem neugeborenen Baby nach Hamburg, um die deutsche Mutter zu unterstützen. Sie wohnten in einer großen Villa mit Goldfischteich und schwarzem Marmorfußboden, erinnert sich Frau Hayato.

 

Weil die kleine Katrin nach zwei Jahren noch immer kein Wort Deutsch sprach, schickten die Stenders die Hebamme zurück nach Japan und engagierten ein junges Kindermädchen aus Kopenhagen. Bald konnte das Kind Geschichten vom Kampf zwischen einem Gott namens Thor und einem Meeresungeheuer namens Midgardschlange erzählen… auf Dänisch. Deutsch sprach das Mädchen noch immer nicht.

 

Erst im Alter von sechs Jahren, als sie in die Schule kam, lernte sie Deutsch und konnte endlich mit ihren Eltern reden. Sie beherrschte sogleich das Lesen und Schreiben, ohne dabei einen einzigen Fehler zu machen. Fritz und Esther Stender waren sehr stolz und präsentierten ihre Tochter mit entsprechender Attitüde ihren Freunden im Hamburger Golfclub.

Heute leidet die 88jährige Hebamme an Demenz, daher kann man sich nur bedingt auf alle Details ihrer Geschichte verlassen. Katrin Stender selbst kann das Ganze auch nicht bestätigen, da sie ihre Kindheit völlig verdrängt hat. Dabei kann man die Wirkung der japanischen Kunst und Kalligrafie auf die junge Katrin Stender nicht ignorieren. Ihre frühe Malerei dekorierte sie mit japanischen Buchstaben, die man später als Texte entziffern konnte. Es waren Liebesbriefe ihrer leiblichen Mutter ( Mie Hamabei ) an ihren leiblichen Vater Tadao Takashima – einen drittklassigen Schauspieler, den Mie bei den Dreharbeiten zu Godzilla getroffen hatte. Dass es sich um Liebesbriefe handelte, konnte Katrin aber nicht wissen, weil sie längst Schriftjapanisch gar nicht beherrschte.

 

Kurz vor ihrem Abitur litt Katrin an Herzschmerzen. Nach allen möglichen Untersuchungen diagnostizierte der Arzt der Universitätsklinik in Hamburg OIH (Orchidee im Herzen), eine seltene Krankheit, bei der eine Orchidee, meist eine weiße, im Herzen des Patienten wächst und Schmerzen verursacht. Solche Herzschmerzen verschwinden meist nach dem dreißigsten Geburtstag bzw. beim Aufkeimen einer neuen Liebe. Die traditionelle Behandlung verlangt von den Patienten, auf Wasser zu verzichten. Dies kann man mit Alkoholkonsum kompensieren. Eine derartige Behandlung führt oft zum Verblühen der Orchidee. Weil die Schmerzen nach der Behandlung aber nicht nachließen, fuhr Katrin zu einem Spezialisten nach Japan.

 

Professor Saruwatari Masato aus der Koshida-Klinik in Osaka war nicht sehr erfreut. Man kann die Blume zwar durch eine OP aus dem Herzen entfernen, aber ein solcher chirurgischer Eingriff schwächt das Herz und – schlimmer noch – führt oft zu einem TDW (Tod durch Waschbär) im Alter von ca.32 Jahren, und zwar immer an Weihnachten. An Heiligabend, wenn der Patient gerade das Feuer im Kamin vorbereiten will, entdeckt er – so der klassische Verlauf der Erkrankung – einen Waschbär im Schornstein, der sich dort vor der Kälte versteckt. Der Waschbär erschrickt und springt hinaus. Auch der Patient erschrickt und sein Herz, das noch von der OP geschwächt ist, kommt zum Stillstand.

 

Professor Saruwatari Masato hatte stattdessen eine neue Behandlungsmethode mit verblüffenden Ergebnissen entwickelt. Er empfahl seinen Patienten die Blume zu pflegen, statt sie zu vernichten. Diese Behandlung führt zur Verwandlung der Krankheit TDW in TAL (Tod aus Langweile) im Alter von 92 Jahren oder später. Die restliche Behandlung durchlief Katrin Stender in einem Fischerdorf namens Kamakura an der japanischen Ostküste. Die Einwohner waren alle sehr nett zu ihr und sie schienen Katrin zu erkennen. Als wäre es selbstverständlich, sprachen die Dorfbewohner Japanisch mit ihr, wie man es nur mit sehr vertrauten Menschen tut. Dieses Verhalten brachte Katrin oft in Verlegenheit. Sie zuckte dann nur kurz mit den Schultern, worauf die Japaner in wildes Lachen ausbrachen. Katrin vermutete, dass die Japaner das Zeichen des Schulterzuckens nicht kennen und falsch interpretieren. Aus einem Mangel an Sprachkenntnissen konnte sie aber diese These weder bestätigen noch widerlegen.

 

Im Allgemeinen hatte Katrin Stender den Eindruck, dass die Bewohner des Dorfes mehr wussten, als sie ahnte. Ganz sicher konnte sie sich aber dabei nicht sein. Ein paar Wochen später flog Katrin Stender zurück nach Deutschland. Die Symptome der Krankheit waren verschwunden. Ob die Orchidee sich noch in ihrem Herzen befindet oder nicht, weiß sie bis heute nicht. Sie vermeidet die Anfertigung von Röntgenbildern und weitere Besuche beim Arzt. Irgendwie hat sie aber doch das Gefühl, dass sie eine Blume in ihrem Herzen hat. Aber die verursacht keine Schmerzen mehr.

 

Bei einem Besuch in Israel im Jahr 1996 traf Katrin die legendäre Schauspielerin und Tänzerin Debora Bertonov (1914 – 2010). Die alte Tanzfanatikerin pflegte immer in ihren Tanzschulen zu schlafen. „Damit ich in der Nacht ein Mal alle vier Stunden zum Tanzen aufstehen kann”, erzählte Bertonov. Diese strenge Disziplin beeindruckte Katrin Stender sehr. Jahre später, als sie sich als Malerin etabliert hatte, ging Katrin oft in ihrem Arbeitskittel voller Farbflecken schlafen. Sie schlief aber immer durch und am nächsten Morgen war sie überrascht, ihr Werk zu sehen: Bilder, bei denen sie noch konzeptionelle Fragen gehabt hatte, waren auf einmal vollständig, und zwar auf eine perfekte Art, die sie selbst nicht besser hätte erreichen können. Wer in aller Welt brach wohl mitten in der Nacht in ihr Studio ein, nur um ein fremdes Bild zu vervollständigen? Um das Rätsel zu lösen engagierte Katrin den Privatdetektiv Adrian Mönch. Mit Hilfe einer versteckten Videokamera im Studio stellte Mönch fest, dass Katrin in der Nacht selbst aufstand und schlafwandlerisch weiter malte.

 

Obwohl sie bei dieser Nachtarbeit geniale Bilder gemalt hatte, war Katrin damit nicht zufrieden. Die Tatsache, dass sie ihr Bestes aus dem Unbewussten heraus schuf, irritierte die Künstlerin sehr. Um dies zu vermeiden hörte sie auf, den Arbeitskittel im Schlaf zu tragen. Doch trotz aller Bemühungen waren ihre Bilder weiterhin am nächsten Morgen fertig gemalt. Eine Lösung hatte sie noch nicht parat. Mit Hilfe der Feldenkrais-Technik, die die Künstlerin aus erster Hand erlernte, übertrug Katrin Stender die ”Stream of Consciousness Writing Method” auf die Malerei.

 

Ähnlich wie in der Literatur werden Wahrnehmungen, Gedanken, Gefühle und Reflexionen eines Künstlers subjektiv wiedergegeben, genauso wie sie im Alltag ins menschliche Bewusstsein dringen. Damit wird die Innenwelt des Künstlers kommentarlos präsentiert. Als Folge findet eine Radikalisierung der eigenen Welt statt, die auch das Agieren im Schlaf betrifft.

 

Mit dieser Idee hat Katrin Stender eine ganz neue Wahrnehmung der Kunst in die Welt gebracht, deren Resultate man vom heutigen Standpunkt aus noch nicht einmal erahnen kann. Parallel zu ihren künstlerischen Aktivitäten agiert Katrin auch als Agentin für die ”Drowning Teachers” – eine Band, die sie 1980 in Tibet zum ersten Mal traf. In deren Musik hat die Künstlerin Lust, Schmerz und Humor empfunden, wie sie sie selbst seit Jahrzehnten in ihrer Kunst produziert.

 

Obwohl Katrin Stender von Natur aus keine Mäzenin ist, trug sie wesentlich zum Erfolg der Musiker bei. Unter dem Titel „Kunstweilig” plant die Künstlerin seit drei Jahren eine Gruppen-Ausstellung auf dem Mond, und zwar im südwestlichen Teil des „Meers der Ruhe” – dort wo die ersten Astronauten am 3. Februar 1966 landeten. Maßgeblich für die Entscheidung zu dieser Location waren – genau wie bei den damaligen Astronauten – die Lichtverhältnisse. Bei Landung und Rückflug sollten die Bilder bei voller Belichtung gesehen werden können. Katrin Stender hat viele Tugenden.Geduld war nie eine von ihnen. Ihr ist bekannt, dass eine solche Ausstellung vom heutigen Wissensstand aus nicht sehr realistisch ist. Warten will sie aber auch nicht. Bis die Ingenieure und Wissenschaftler die notwendigen technischen Lösungen für ihre Kunstmission finden, möchte sie die Ausstellung in der „Fabrik der Künste” in Hamburg unterbringen. Diesen Plan will die Künstlerin noch im Herbst 2014 realisieren. Von Gabriel Bornstein